Langzeitkomplikationen der Chemotherapie vermeiden

Vermeidung der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN)

Die Chemotherapie ist wohl die Therapie in der Behandlung von Krebserkrankungen, die von den Patientinnen am meisten gefürchtet wird. Ihre Ängste vor den typischen Nebenwirkungen sind groß: Übelkeit, Erbrechen, mögliche Infektionen, Haarausfall und zuletzt die Entwicklung von schmerzhaften Nervenschädigungen an Händen und Füßen (CIPN – Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie)

veröffentlicht im Ratgeber Brustkrebs 2020

Während sich die Patientinnen von vielen Nebenwirkungen nach Abschluss der Chemotherapie schnell erholen, handelt es sich bei der CIPN – der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie – oft um eine Langzeitkomplikation, die über Jahre anhält und die Lebensqualität der Patientinnen maßgeblich negativ beeinflusst. Sie geht einher mit Schmerzen, Brennen an Händen und Füßen, Kribbeln und Sensibilitätsverlust (Taubheitsgefühl), teilweise verbunden mit Problemen bei Bewegungskoordination und Gleichgewicht.

Im Vordergrund stehen Missempfindungen und Schmerzen. In Zusammenhang mit entzündlichen Hautreaktionen an Händen und Füßen tritt als Sonderform das sogenannte Hand-Fuß-Syndrom auf. Die Beschwerden sind vielfältig: schmerzhafte Rötungen, Brennen, teilweise mit Hautabschürfungen, übermäßigem Schmerzempfinden und später auch Taubheitsgefühl.

Seit Oktober 2016 führt die Selbsthilfegruppe 151 e. V. -Internationale Senologie Initiative ein Projekt durch, bei dem Brustkrebspatientinnen vorbeugend Hände und Füße während der Chemotherapie mit einem Kühlgerät kühlen. Die Patientinnen werden nach jeder Chemotherapiegabe zu ihren Nebenwirkungen befragt. Die Ergebnisse werden dokumentiert und ausgewertet.

Um in der Medizin unerwünschte Nebenwirkungen einer The-rapie einschätzen zu können, bedient man sich der sogenannten Toxizitätsgrade nach den CTC (Common Toxicity Criteria) Kriterien:

Grad 0 besagt, dass keine Nebenwirkungen bestehen. Grad 1 beeinflusst das Alltagsleben der Patientin nicht. Ggf. werden erste Symptome der Polyneuropathie wie Überempfindlichkeit auf Reize und beginnendes Kribbeln an Händen und/oder Füßen beschrieben.

Kommen Brennen oder ein leichtes Taubheitsgefühl mit Empfindungsstörungen hinzu, spricht man von Grad 2. Es sind Beschwerden, die die Aktivitäten der Patientin im täglichen Leben beeinträchtigen. Schon jetzt können einfache, feine motorische Fähigkeiten, wie das Öffnen einer Wasserflasche oder das Öffnen von kleinen Knöpfen an Hemden und Blusen, beeinträchtigt oder gar unmöglich sein.

Die Steigerung ist Grad 3. Starke Schmerzen und/oder starke Beschwerden machen es den Patientinnen unmöglich zu arbeiten oder Aktivitäten des täglichen Lebens auszuführen. Die Unterscheidung zwischen Kälte und Wärme ist häufig kaum oder gar nicht mehr möglich – Leitsymptome sind Taubheitsgefühl, Kribbeln und Schmerzen.

Bei der Kühlung handelt es sich um ein computergesteuertes, gradgenaues Thermoheilverfahren. Das Gerät ist ausgestattet mit Hand-/Fußmanschetten und kann auf eine gradgenaue Kühltemperatur eingestellt werden, sodass eine kontinuierliche Kühlung möglich ist. Der Sauerstoffbedarf des Gewebes, der Stoffwechsel sowie die Durchblutung werden reduziert, weniger toxische Substanzen verletzen die Nerven an Händen und Füßen. Darüber hinaus wird der Austritt von Chemotherapeutika über die Schweißdrüsen reduziert (Reduktion der Entstehung des Hand-Fuß-Syndroms) und Schmerzrezeptoren werden positiv beeinflusst.

Wir haben Daten von 172 Patientinnen ausgewertet. 130 Patientinnen entschieden sich für die prophylaktische, vorbeugende Anwendung des Thermoheilverfahrens. Sie kühlten Hände und Füße bei jeder Chemotherapiebehandlung, beginnend mit der ersten taxanhaltigen hemotherapie. Nur acht Patientinnen entwickelten kurzfristig Symptome der CIPN mit Schmerzen und Beeinträchtigungen im Alltag (Grad 2), eine Patientin gab den Toxizitätsgrad 3 an. Diese Symptome traten besonders bei Patientinnen auf, die eine dosisintensivierte Chemotherapie erhielten.

Da die Symptome nicht anhaltend waren, konnte die Chemotherapie mit geplanter Dosierung im geplanten Zeitintervall weiter-geführt werden. Vier Wochen nach letzter Therapie reduzierte sich die Anzahl der Patientinnen mit einer Grad 2 Toxizität nochmals – jetzt gaben nur noch fünf Patientinnen eine vorübergehende Grad 2 Toxizität an, keine Patientin litt unter Grad 3 Symptomen.

Vier Monate nach der letzten Chemotherapie waren bereits 98 % unserer Patientinnen ohne limitierende Symptome. Die Ergebnisse zeigen sich als nachhaltig: Sieben und zehn Monate nach Ende der Chemotherapie sind weiterhin 97-98 % unserer Patientinnen ohne Beschwerden.

In einer zweiten Gruppe von Patientinnen konnte gezeigt werden, dass ohne kontrollierte, vorbeugende Hand-Fuß-Kühlung 91% der Patientinnen Symptome der CIPN entwickelten. Diese Patientinnen kühlten nach Auftreten der Symptome ihre Hände und Füße (sekundäre, reaktive Hand-Fuß-Kühlung) für alle noch anstehenden Chemotherapiezyklen und konnten sowohl ein Fortschreiten der Symptomatik verhindern als auch Linderung erfahren.

Dr. rer. nat. Trudi Schaper
1. Vorsitzende Internationale Senologie Initiative 151 e. V.

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